Die “No worries, mate!”-Mentalitaet der Australier und ihre Schattenseite

Wer kennt das nicht? In jedem Reisefuehrer ueber Australien wird spaetestens auf Seite drei die Mentalitaet der Australier gelobt. Mit ihrem unverkennbaren “No worries, mate!” auf den Lippen seien sie stets freundlich, hilfsbereit und unbuerokratisch; sozusagen das genaue Gegenteil dessen, was man aus Deutschland gewoehnt ist. Doch das ist nur die halbe Wahrheit! In diesem Artikel wird einmal die andere Seite, die Schattenseite der australischen “No worries, mate!”-Mentalitaet beleuchtet. Als Anhaltspunkt dienen dabei drei Beispiele aus eigener Erfahrung. Gespraeche mit anderen Backpackern deuten jedoch auf sehr aehnliche Erlebnisse hin, so dass sich wohl auch der ein oder andere Leser in den folgenden Beispielen wiederfinden wird.

1. Huskisson/Jervis Bay: Ich brauche Geld! Und zwar dringend! Um Gebuehren zu sparen, will ich mit meiner Deutschen Bank Karte zum naechsten Westpac-ATM (Geldautomaten). Aber wo ist der? Bei der Tourist Information kann ich nicht fragen. Es ist ja schliesslich schon 16.30 Uhr und wie so vieles in Australien schliesst auch die Touristeninformation hier bereits um vier. Also frage ich einen Passanten auf der Strasse. Im Nachbarort soll eine Westpac Bank sein. Ich atme einmal tief durch, steige in den Wagen und fahre dorthin. Siehe da, tatsaechlich gibt es die genannte Bank dort, allerdings keinen Geldautomaten. Warum auch immer! Gezwungenermassen betrete ich die Bank und spreche den einzigen anwesenden Angestellten an. Ob ich mit meiner Deutschen Bank Karte auch am Schalter Geld abholen kann, will ich wissen. Nein ist die Antwort. Ob ich dann wenigsten die spaerlichen Reste von meinem Westpac Konto abheben koennten. Wiederum kommt ein Nein als Antwort. Diesmal mit der Begruendung, dass diese Bank ebenfalls bereit um vier schliesst. Der Verzweifelung nahe rede ich auf den Mann ein, versuche ihn von der Ernsthaftigkeit meiner Situation zu ueberzeugen. Als Antwort bekomme ich nur ein “No worries, mate!” zu hoeren. Ich koenne ja morgen nochmal wiederkommen. Sprachlos schaue ich den Bankangestellten an. Hat er mir ueberhaupt zugehoert? Ich habe Sorgen (worries). Geldsorgen um genau zu sein. Und wenn er wirklich mein Kumpel (mate) waere, wuerde er diese Sorgen verstehen und mir etwas Geld von meinem Konto geben. Resigniert verlasse ich die Bank und fahre zurueck nach Huskisson. An einem anderen ATM muss ich gegen Gebuehren Geld abheben. Da das letzte Lebensmittelgeschaeft bereits geschlossen hat (Es ist mittlerweile bereits nach 17.00 Uhr!), muss ich notgedrungen in einem teueren Restaurant Essen gehen. Schliesslich faengt es auch noch an zu regnen, so dass ich meinen urspruenglichen Plan einer Uebernachtung im Zelt aufgeben muss und stattdessen fuer eine Nacht im viermal so teueren Motel verbringen muss. Als ich abends im Bett liege und mir ueberlege, um wieviel Geld ich meine Eltern diesmal bitten soll, klingt mir ein Satz noch immer im Ohr: “No worries, mate!”

2. Melbourne: Ich brauche einen Job! Diese staendige Bettelei bei den Eltern muss jetzt ein Ende haben. Ich will endlich mein eigenes Geld verdienen. Tagsueber laufe ich deshalb von Geschaeft zu Geschaeft. Ueberall frage ich dasselbe: “Do you have an employment opportunity? Do you have any vacancies? Do you need a helping hand?” Erstaunlicherweise suchen die meisten Laeden tatsaechlich gerade jemand. Ich werde gebeten mein resume (Lebenslauf) abzugeben, was ich auch mache. Anschliessend werde ich mit einem Laecheln und einem “No worries, mate! We will call you.” Verabschiedet. Frohen Mutes kehre ich abends auf den Campingpatz zurueck. Das lief doch schon mal vielversprechend. Gespannt warte ich in den folgenden Tagen auf die Anrufe. Doch die Anrufe bleiben aus. Auch auf mein abermaliges Nachfragen heisst es immer nur ausweichend: “No worries, mate! We will call you.” Wie die Geschichte weitergeht, kann man sich vielleicht denken. Bis zum heutigen Tage hat mich kein einziger Ladenbesitzer angerufen. Meine Sorgen (worries) sind dadurch natuerlich nur noch weiter gestiegen und ich denke mir dann immer, wenn die Leute wirklich mein Kumpel (mate) waeren, haetten sie doch wenigstens anrufen koennen. Oder sie haetten mir von vornherein sagen koennen, dass sie prinzipiell keine Backpacker einstellen, weil ihnen die drei Monate Arbeitserlaubnis zu kurz sind oder sie Backpacker im Allgemeinen fuer unzuverlaessig halten. So haette ich mir wenigstens die teueren Druckkosten fuer mein resume sparen koennen. Stattdessen werde ich tagelang in dem falschen Glauben gelassen, ich haette tatsaechlich eine Chance, den Job zu bekommen. Und alles nur wegen eines scheinbar unbedeutenen “No worries, mate!”

3. Yarra Valley: Fruit Picking ist die Loesung! Als Erntehelfer hat bis jetzt noch jeder Backpacker Arbeit gefunden. Ich rufe deshalb die National Harvest Hotline an. Auch hier hoere ich zu Beginn noch das altbekannte “No worries, mate! We can help you.” Nur um dann anschliessend von anderer Stelle zu hoeren, dass zur Zeit doch kein Job verfuegbar ist. Noch ein kurzes “But thanks for calling!” und der Mann legt auf. Sprachlos starre ich auf den Telefonhoerer. Das war also die hochgelobte National Harvest Hotline. Nun gut! So schnell gebe ich diesmal nicht auf. Mit meinem Auto fahre ich aus Melbourne heraus ins Yarra Valley. Auf eigene Faust versuche ich einen Job zu finden, indem ich alle Farmen einzeln abklappere. Die meisten Bauern, die ich auf meinem Weg treffe, geben sich auch sehr nett. Stets kommt ein “No worries, mate!” auf meine Jobanfrage, nur um mir im Anschluss daran, eine Absage zu erteilen. Zur Zeit suchten sie keine Erntehelfer, aber ich koennte es ja mal bei der naechsten Farm probieren. Das tue ich dann auch. Farm nach Farm fahre ich rastlos durch das Yarra Valley und hole mir eine Absage nach der anderen ab. Voellig orientierungslos und der puren Verzweifelung nahe treffe ich schliesslich auf einen alten Bauern, der mir tatsaechlich einen Job als Birnenpfluecker gibt. Gleich am naechsten Morgen beginne ich mit der Arbeit. Allerdings stellt sich dann heraus, dass nicht der alte Mann der Chef ist sondern sein muerrischer Sohn. Der Sohn kann mich von Anfang nicht leiden. Am liebsten haette er mich wohl gleich wieder herausgeschmissen, wenn sie nicht so dringend einen Erntehelfer gebraucht haetten. So laesst er mich zwar weiterarbeiten, macht aber aus seiner Abneigung mir gegenueber keinen Hehl. Als er zum Beispiel bemerkt, dass ich aus Deutschland komme, erzaehlt er mir sogleich von seinem Grossvater, der an der Somme gegen die Deutschen gekaempft hat, und wieviele Australier im Allgemeinen ihr Leben im Ersten Weltkrieg lassen mussten. Gut, dafuer kann ich nun leider auch nichts. Als er dann erfaehrt, dass ich in Deutschland studiert habe, wird es sogar noch schlimmer. Zu seiner latenten Deutschenfeindlichkeit gesellt sich noch eine generelle Abneigung gegenueber hoeher gebildeten Leuten als er es ist. Immer wieder wirft er mir vor, dass ich zu schlecht und zu langsam arbeite. Letztendlich erklaert er mir dann, dass es wahrer Intelligenz bedarf, um bei dieser Arbeit effizient zu sein. Beim Birnenpfluecken! Voellig erschoepft von dieser physischen und psychischen Quaellerei kehre ich schliesslich am Abend auf meinen Campingplatz zurueck. Noch nie habe ich einen so heruntergekommenen Campingplatz in Australien geshen, bedauerlicherweise ist er jedoch die einzige preiswerte Unterkunft in der Naehe der Farm. Mit letzter Kraft erreiche ich schliesslich den Amenities-Block. Wenigstens eine warme Dusche will ich mir zum Abschluss dieses anstrengenden Tages goennen. Doch auch die bleibt mir verwehrt, als sich nur eiskaltes Wasser ueber meinen Koerper ergiesst. Bibbernd vor Kaelte verlasse ich die Dusche und laufe hinueber zur Toilette, nur um dort festzustellen, dass anscheinend nicht jeder meiner Mitcamper in der Lage ist, seine Notdurft auch tatsaechlich in die Toilettenschuessel zu verrichten. Scheisse! Angeekelt schuettle ich den Kopf. Das kann doch alles nur ein schlechter Traum sein. Wie konnte ich nur hier landen, wo doch jeder Australier immer laechelnd verspricht “No worries, mate!”?

Dies sind nur drei, zugegebenerweise etwas ueberspitzt formulierte Beispiele aus meiner eigenen, leidvollen Erfahrung. Sie haben mir zweierlei gezeigt. Zum einen dass die viel gepriesenen freundliche, hilfsbereite und unbuerokratische “No worries, mate!”-Mentalitaet der Australier in vielen Faellen nur Fassade ist. Das soll nicht heissen, dass sie nicht existiert. Doch gerade wenn es um sensible Themen wie Geld und Arbeit geht, findet diese Mentalitaet eindeutig ihre Grenzen. Zum anderen lassen mich diese drei Beispiele meine Heimat in einem anderen Licht betrachten. Sicherlich sind die Menschen in Deutschland im Allgemeinen eher weniger hilfsbereit, eher mehr buerokratisch und generell unfreundlicher als die Australier. Und sicherlich hat man sich daheim schon des Oefteren ueber diese Verhaltensweise aufgeregt. Dennoch hat sie auch ihr gutes. In Deutschland weiss man immer, woran man ist. Kein falsches Laecheln, keine aufgesesetzte “No worries, mate!”-Maske kann ein taueschen. Von Anfang an heisst es gleich klip und klar “Nein, ich kann Dir nicht helfen!” oder “Ja, ich kann Dir helfen!” Auf Fremde mag diese scheinbar schroffe Offenheit der Deutschen vielleicht abschreckend wirken. Ich hingegen vermisse sie hier in Down Under manchmal schon sehr. In solchen Situationen wuenschte ich mir immer ein etwas mehr Ehrlichkeit und etwas weniger “No worries, mate!”

Florian Kuhlmey

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