Netball

Als ich das erste Mal an einem Netballplatz vorbeikam hielt ich ihn verstaendlicherweise fuer einen Basketballplatz. Er hatte ja in etwa dieselbe Groesse und auf beiden Seiten hingen Basketballkoerbe. Aber irgendetwas stimmte hier nicht. Irgendetwas fehlte. Ich schaute noch einmal hin und da fiel es mir auf. Die Bretter fehlten! Die hatten doch tatsaechlich vergessen, Bretter hinter den Koerben aufzuhaengen. Ob da wohl das Geld gefehlt hat? Kopfschuettelnd ging ich weiter, dachte aber nicht mehr grossartig darueber nach.

Ein paar Tage spaeter kam ich erneut an dem Platz vorbei. Diesmal spielten ein paar Maedchen darauf. Obwohl „spielen“ wohl etwas viel gesagt ist. Im Grunde warfen sich die Maedchen den Ball nur gegenseitig zu. Sobald jemand den Ball gefangen hatte, musste er bzw. sie sofort stehenbleiben, sich umschauen und den Ball zu einer Mitspielerin weiterpassen. Eine Bewegung mit dem Ball war offensichtlich nicht erlaubt. Ich hielt das Ganze fuer eine taktische Uebung beim Basketballtraining. Geuebt werden sollte sicher das Passen, die Uebersicht ueber das Spielfeld und die Bewegung ohne Ball. Auch jetzt dachte ich mir noch nichts dabei.

Das passierte erst ein paar Tage spaeter als ich wiederum an dem Feld vorbeikam und die Maedchen immernoch ihrer merkwuerdigen Uebung nachgingen. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Konnte es vielleicht sein, dass dies ueberhaupt keine taktische Uebung beim Basketballtraining war sondern eine eigene Sportart? Fassungslos starrte ich auf das Spielfeld. Die Maedchen schienen sich gar nicht albern vorzukommen, bei dem, was sie taten. Im Gegenteil, fuer sie erschien das alles ganz selbstverstaendlich zu sein. Aufgeregt rannte ich nach Haus und befragte meinen Nachbarn dazu. Und was musste ich zu meinem Entsetzen feststellen? Ich war schon wieder auf eine alberne australische Sportart gestossen mit dem Namen Netball.

Was gibt es nun wissenswertes ueber Netball zu berichten? Urspruenglich stammt der Sport aus den USA, wo ihn jedoch heute niemand mehr kennt geschweige denn spielt. Netball sollte von Anfang an ein kontaktloser Sport sein, sozusagen eine Alternative zum doch sehr koerperbetonten Basketball. Boese Zungen nennen den Sport deshalb auch Basketball fuer Weicheier. Das Ziel war es, eine Sportart zu kreieren, die von Maennern und Frauen gleichzeitig gespielt werden konnte, ein Unisex-Sport gewissermassen. Jedoch fanden die Maenner nicht wirklich gefallen daran. Sie wollten sich lieber weiterhin am schweissgebadeten Koerper ihres maennlichen Gegenspielers reiben und blieben daher beim Basketball. Anders die Frauen! Besonders in Australien und Neuseeland begannen sich junge Frauen fuer den neuen Sport zu begeistern. Binnen kurzer Zeit wurde Netball so zum groessten und populaersten Frauensport in diesen Laendern. So gross und populaer, dass man nicht umhin kam, ihn 1998 zum offiziellen Bestandteil der Commonwealth Games zu machen.

Doch wie funktioniert Netball nun? Da gibt es einmal das Spielfeld, das sich nicht grossartig von dem eines Basketballfeldes unterscheidet, d. h. es ist rechteckig und auf beiden Seiten befindet sich ein 3,05 Meter hoher Korb, um den ein 4,90 Meter grosser „Torkreis“ gezogen ist. Anders als beim Basketball besteht das Spielfeld allerdings nicht aus zwei Haelften sondern aus drei Dritteln, in denen sich jeweils nur eine bestimmte Anzahl von Spielerinnen bewegen darf. So gibt es pro Mannschaft drei Angreiferinnen, welche sich im vorderen Drittel und teilweise im mittleren Drittel aufhalten duerfen, und drei Verteidigerinnen, welche sich im hinteren Drittel und teilweise im mittleren Drittel aufhalten duerfen. Lediglich die siebente Spielerin, die Centre-Spielerin, darf alle Felder betreten. Klingt kompliziert, ist es auch! Zumal der Schiedsrichter sich staendig merken muss, welche Spielerin auf welcher Position spielt und damit welchen Bereich betreten darf. Und was fuer ein Chaos entsteht dann erst, wenn Spielerinnen ausgewechselt werden!

Der Spielablauf selbst ist dagegen relativ einfach. Ist eine Mannschaft im Ballbesitz, passt sie den Ball so lange in den eigenen Reihen umher, bis sich eine Mitspielerin in einer guten Wurfposition befindet. Dabei gilt es zu beachten, dass nur die Spielerinnen ohne Ball sich bewegen duerfen. Sobald man einen Ball faengt, muss man auf der Stelle stehen bleiben und hoffen, dass der eigene Koerper bei diesem abrupten Bremsmanoever mitmacht. Denn jeder, der schon einmal probiert hat, im vollen Lauf stehenzubleiben, weiss: Das ist alles andere als leicht und verdammt ungesund fuer die eigenen Sprunggelenke. Erreicht der Ball schliesslich eine Angreiferin im gegnerischen Torkreis, so wird das Spiel vollstaendig eingefroren, soll heissen, keiner darf sich mehr bewegen. Alle stehen nun untaetig herum und schauen dabei zu, wie die Angreiferin einen mehr oder weniger plazierten Wurf auf den gegnerischen Korb richtet. Selbst die Verteidigerinnen koennen nicht allzu viel tun. Genrell darf man sich beim Netball nur auf drei Fuss (ca. 90 Zentimeter) naehern. In Ballbesitz kommt man daher nur, wenn man einen Pass der Gegenmannschaft abfaengt. Hat der Ball jedoch erst einmal eine Gegenspielerin im eigenen Torkreis erreicht, kann man nichts weiter tun als die Angreiferin beim Werfen zu irritieren, indem man die hart antrainierte Taktik des „Ich stelle mich jetzt auf meine Zehenspitzen und wedel wie verrueckt mit den Armen in der Luft herum“ anwendet. Auf Aussenstehende kann dies zumindest einen ungewollt komischen Effekt haben.

Das also ist Netball. Eine Sportart, an der man als junges Maedchen in Australien wohl leider nicht vorbeikommt. In Deutschland ist dies zum Glueck nicht so, denn fuer uns ist Netball nur eine weitere alberne australische Sportart.

Florian Kuhlmey

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