Lawn Bowling

Ich erinnere mich noch als waere es gestern gewesen. Ich sass gerade in einer der vielen ueberfuellten Melbourner Strassenbahnen. Es war heiss. Es war stickig. Die Luft stand und stank vom Schweissgeruch der umstehenden Menschen. Aber um die Tram herum war es auch nicht besser. Alle Strassen waren verstopft vom abendlichen Berufsverkehr. Von allen Seiten drangen Motorengeraeusche, das Quitschen von Reifen und gelegentliches Hupen an mein Ohr.

In diesem Chaos schaute ich aus dem Fenster und traute meinen Augen nicht. Konnte es wirklich sein? Inmitten der hektischen Grossstadt befand sich einer Oase gleich eine quadratische Rasenflaeche. Auf dieser standen ein paar aeltere Herren und Damen. Sie alle waren ganz in weiss gekleidet, was auch weisse Schuhe und einen weissen Hut beinhaltete. Scheinbar ungeruehrt vom Grossstadttrouble um sie herum unterhielten sie sich in aller Ruhe miteinander. Gelegentlich rollten sich auch einmal eine schwarze Kugel zum anderen Ende des kurz geschnittenen Rasens. Aber alles ganz gemaechlich, ganz gelassen. Gerade so als haetten sie alle Zeit der Welt.

Es war schon ein recht merkwuerdiger Anblick. Das Bild, das sich mir darbot, passte so ueberhaupt nicht in unsere heutige schnelllebige Zeit. Wenn ich es mir recht ueberlege, passte es nicht einmal nach Australien. Ich fuehlte mich vielmehr an eine adlige Teegesellschaft im viktorianischen England vor einhundert Jahren erinnert. Eine Epoche also, als der englische Landadel mit seiner vielen Freizeit nichts anzufangen wusste und sich deshalb des oefteren zu sportlichen Aktivitaeten traf. Diese liefen natuerlich streng nach Etikette ab, soll heissen: Alle Teilnehmer mussten ueber die vorgeschriebene Sportbekleidung verfuegen und Maenner und Frauen mussten getrennt voneinander antreten. All zu schweisstreibend durfte der Sport dann natuerlich auch nicht sein, denn das Schwitzen vor Anstrengung war nunmal ein Merkmal der unterpriveligierten Arbeiterklasse und ziemte sich daher nicht fuer die aristokratische Oberschicht. Erstaunlicherweise trefen all diese Attribute auch auf das heutige Lawn Bowling zu, das damit als weitere alberne australische Sportart gelten kann.

Wenn man als Aussenstehender das Wort „Bowling“ hoert, denkt man verstaendlicherweise zuerst an den in Amerika weitverbreiteten Sport, der sich auch in Deutschland zunehmender Beliebtheit erfreut. Dabei trifft man sich traditionell abends mit ein paar Freunden in einer Bowlinghalle, kippt ein paar Bier und versucht dazwischen, mit der meist uebertrieben schweren dreiloechrigen Bowlingkugel die zehn Kegel (Pins) am anderen Ende der Holzbahn umzuhauen. Je nach Koennen und Alkoholpegel ist dieses Vorhaben dann von mehr oder weniger Erfolg gekroent. Soweit das uns bekannte Bowling. Doch hat Lawn Bowling damit etwas zu tun? – Nein, hat es nicht!

Lawn Bowling ist eher vergleichbar mit dem franzoesischen Spiel Boule, in Deutschland gelegentlich auch bekannt als Bocca. Beim Boule wird zu Beginn des Spiels eine kleine Holzkugel, genannt Schweinchen, in ca. fuenf bis zehn Meter Entfernung geworfen. Anschliessend versuchen zwei oder mehr Spieler, ihre silbernen Kugel moeglichst nah am Schweinchen zu platzieren. Dabei stehen ihnen zwei Wurfmoeglichkeiten zur Verfuegung. Sie koennen die gegnerische Kugel mit einem kraeftigen Wurf weg-stossen oder sie koennen ihre eigene Kugel gezielt neben das Schweinchen legen. Lawn Bowling funktioniert im Grunde ganz aehnlich wie Boule, nur dass die Kuglen hier auf keinen Fall geworfen werden duerfen sondern ausschliesslich gerollt werden. Dies laesst vermuten, dass die Englaender, die seinerzeit Lawn Bowling erfanden, einerseits zwar stark fasziniert waren von dem franzoesischen Spiel andererseits aber auch nicht ihren geliebten Rasen zerstoeren wollten. So entstand dann wohl Lawn Bowling – eine Art rasenschonendes Boule.

Aber wie funktioniert Lawn Bowling nun genau? Zu Beginn eines jeden Spiels wird ein Teil der Rasenflaeche als Spielfeld („End“) markiert. Man tut dies, indem man eine Matte, von der aus man die Kugeln rollt, auf die eine Seite des kostbaren Rasens legt und die kleine weisse Zielkugel, genannt Jack oder Kitty, auf der gegenueberliegenden Seite plaziert. Anschliessend faengt das Spiel an. Abwechselnd werden nun alle schwarzen Kugeln gespielt, wobei das Wort Kugel nicht ganz zutreffend ist, denn die Bowls sind nicht vollstaendig rund. Etwa ein Sechstel der Kugel fehlt, d. h. an dieser Aussenseite verfuegt die Kugel ueber eine gerade Flaeche. Was zunaechst wie eine aufgeschnittenen Kokosnuss anmutet hat durchaus System, erlaubt es den Spielern doch unterschiedliche Spielweisen. So koennen sie die Kugeln vergleichbar dem Boule entweder legen oder stossen. Beim Legen, hier „Draw“, wird versucht, die eigene Kugel moeglichst nah an den Jack/die Kitty zu legen. Dabei kann man die Kugel entweder mit einer leichten Rechtskurve („forehand draw“) oder mit einer leichten Linkskurve („backhand draw“) spielen. Ist die weisse Zielkugel jedoch von gegnerischen Kugeln verdeckt, wendet man sich dem Stossen, hier „Drive“, zu. Mit voller Wucht wird nun die eigene Kugel gerollt, die dadurch keine Kurve mehr einschlaegt sondern direkt die gegnerische Kugel aus dem Weg raeumt. Sind alle Bowls gespielt, wird genauso wie beim Boule gezaehlt, d. h. der Spieler/die Mannschaft erhaelt die Punkte, der/die seine/ihre Bowls am naechsten an der weissen Zielkugel plaziert hat.

Das also ist Lawn Bowling. Ein Sport, der vielleicht sogar Spass machen koennte, waere da nicht das ganze Gehabe drumherum; dieses „Nur alte Leute spielen Bowling.“, „Maenner und Frauen muessen getrennt spielen.“ und „Ohne korekte/einheitliche Sportbekleidung darf der Platz erst gar nicht betreten werden.“ So aber wirkt der Sport wie ein einziger Anachronismus, ein Relikt aus laengst vergangener Kolonialzeit. Und genau das macht Lawn Bowling zu einer weiteren albernen australischen Sportart.

Florian Kuhlmey

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