Football Australian Rules

Ich hatte wohl etwas falsche Vorstellungen als ich hierher kam. Ich dachte, Australien sei allein aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit noch vergleichbar mit dem britischen Mutterland. Ich dachte, wenn Fussball dort der Volkssport Nummer eins ist, dann wird er das wohl auch hier sein. Ich dachte, wenn die Australier sich schon fuer die diesjaehrige Weltmeisterschaft in Deutschland qualifiziert haben, dann werden sie diesen Sport wohl auch lieben. Doch ich lag falsch. Ich war einem fatalen Irrtum erlegen wie sich bald herausstellen sollte.

Das weiss ich allerdings erst jetzt. Zu Beginn meines Australienaufenthaltes stolzierte ich noch voller europaeischer Naivitaet durch das mir fremde Land. Zuerst fuehlte ich mich sogar bestaetigt in meiner Annahme. An alle Sportgeschaeften stand in den Schaufenstern in grossen Lettern „Fooball“. Und auch im Fernsehen machten sie Werbung fuer Football-Live-Uebertragungen. Alles schien so zu sein wie ich es erwartet hatte. Koenig Fussball regierte, auch hier, am anderen Ende der Welt.

Doch dann kam das boese Erwachen. Ich weiss gar nicht mehr genau wann oder wie es geschah. Es muss wohl eher ein schleichender Prozess gewesen sein. Er begann damit, dass ich zufaellig einmal den Schriftzug „Football Australian Rules“ las. Australian Rules? fragte ich mich verdutzt. Sind nicht die Fussballregeln ueberall auf der Welt gleich? Dann kam ich eines Tages an einem Football-Feld vorbei und wunderte mich doch sehr ueber dessen ovale Form und die vier weissen Stangen, die an beiden Enden emporragten. Wie soll man denn darauf Fussball spielen?

Schliesslich sah ich mein erstes australisches Football-Spiel im Fernsehen. Und ich war entsetzt! Was war das denn? Diese merkwuerdige Sportart namens Football Australian Rules hatte mit unserem Fussball so gut wie gar nichts mehr gemein. Sie war aber ebenfalls nicht mit „American Football“ verwandt. Vielmehr fuehlte ich mich an meine Kindergartenzeit erinnert. Wenn die Erzieher ueberfordert waren, gaben sie uns einfach einen Ball, den wir dann kickend, faustend, werfend und trumpfend durch die Gegend befoerderten. Im Grunde ist Football Australian Rules nichts anderes, nur dass hier 36 erwachsenden Maenner auf dem Platz stehen, die teilweise Millionen verdienen mit Kicken, Fausten, Werfen und Trumpfen. Man kann den Vergleich mit dem Kindergarten sogar noch weiter treiben, indem man sich an das miserable Essen seinerzeit erinnert. Denn Football Australian Rules ist bildlich gesprochen nichts anderes als ein Kindergarten Reste-Essen. Man nehme etwas Rugby, ein bisschen Fussball, eine Prise Volleyball und einen Hauch Basketball. Zum Schluss rundet man alles ab mit einer guten Portion Ringen, ruehre alles gut um und heraus kommt ein ungeniesbares Sammelsurium namens Football Australian Rules.

Wie hat man sich nun ein solches „Football“-Spiel vorzustellen? Da waeren erstmal die beiden Mannschaften mit jeweils 18 Spielern, in der ersten australischen Liga sind es sogar 22 Spieler, was das Spiel aber nur noch unuebersichtlicher macht. Die 36/44 Feldspieler treten nun auf einem ovalen Feld gegeneinander an, an dessen gegenueberliegenden Enden jeweils vier weisse Stangen aufgestellt sind (zwei grosse in der Mitte und zwei kleinere an den Aussenseiten). Das Ganze erinnert einen ein bisschen an ein Qudditsch-Feld in den Harry Potter Filmen, nur dass an den oberen Stangenenden keine Ringe befestigt sind und die Spieler nicht auf Besen durch die Luft fliegen und… Vielleicht ist es doch nicht wie bei Harry Potter!

Das Ziel des Spieles ist es nun, den Ball, der die Form eines Rugby-Eies hat, durch zwischen den gegnerischen Stangen hindurch zu befoerdern. Ein Ball, der durch die beiden mittleren Stangen fliegt zaehlt sechs Punkte. Trifft man zwischen mittlerer und aeusserer Stange erhaelt man immerhin noch einen Punkt dafuer. Aber wie bekommt man den Ball ueberhaupt erstmal dorthin? Beim Football Australian Rules hat jeder ballfuehrende Spieler prinzipiell drei Moeglichkeiten: Erstens, erlaeuft mit dem Ball, muss diesen aber mindestens alle 15 Meter einmal auftrumpfen. Zweitens, er passt den Ball, indem er ihn entweder aus der Hand schiesst (bei weiteren Entfernugen) oder mit der freien Hand faustet (bei kuerzeren Distanzen). Gelegentlich kommt auch der fuers Rugby charakteristische Unterschulterwurf zum Einsatz. Der eigentlich naheliegende vom American Football reichlich bekannte Ueberschulterwurf ist hingegen beim Fotball Australian Rules verboten. Warum auch immer! Drittens, er schiesst auf das gegnerische „Tor“, wobei auch wirklich nur ein Schiessen des Balls erlaubt ist. Ein Tragen des Balles ueber die Endlinie des Spielfeldes, auch bekannt als „Touchdown“, gibt es beim Football Australian Rules nicht.

Welche Moeglichkeit hat nun die gegnerische Mannschaft in Ballbesitz zu gelangen? Sie kann entweder den Ball in der Luft abfangen oder direkt den ballfuehrenden Spieler attakieren. Hier kommt nun das Ringen ins Spiel. Der ballfuehrende Spieler wir mit beiden Armen von hinten gepackt und seitwaerts zu Boden gerissen. Der durch dieses Tackling freigewordene Ball kann nun von anderen Spielern aufgegriffen werden. Im besten Fall natuerlich von der eigenen Mannschaft.

Das waren die Regeln des Football Australian Rules in gekuerzter Fassung. Natuerlich gibt es noch viel mehr davon, aber anscheinend immer noch nicht genug. Mir hat einmal ein begeisterter Melbourner Football Fan erklaert, das Tolle am Football Australian Rules sei, dass die Regeln nicht exakt sein. Somit gaebe es immer genug Diskussionsstoff ueber die Auslegung der regeln. Ich bin jedoch der Meinung, dass die besten Sportarten die sind, bei denen die Regeln relativ uebersichtlich und fuer jedermann verstaendlich sind. Aber vielleicht denke ich da einfach zu europaeisch. Hier in Australien mag man es lieber umstaendlich. Statt gezielt eine Sportart aus Europa zu uebernehmen, muss man gleich alle uebernehmen und zu einer wirren Mischung zusammenpacken. Das Ganze heisst dann Football Australian Rules und ist eine weitere alberne australische Sportart.

Florian Kuhlmey

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.