Chile Job

Die Gringa
-ein Erfahrungsbericht-

Am 04. September 2011 morgens um 04:00 Uhr klingelte der Handywecker und mein Abenteuer begann. Von Bad Dürrenberg aus ging es auf den Flughafen Leipzig, ein einstündiger Flug nach Frankfurt, von da aus rund 10 Stunden nach Atlanta / USA. Ca. 8 Stunden habe ich auf diesem Flughafen verbracht, bevor mich ein fast 10-stündiger Flug nach Santiago brachte. Hier der erste Stopp meiner Reise: ich verbrachte den Tag in der Stadt, lernte die Hauptstadt Chiles kennen: wunderschön gelegen, eingebettet in einem Tal und rundherum umgeben von Bergen, den Anden, die ganz Südamerika durchziehen. Den wohl schönsten Blick über die Stadt und das Gebirge hat man vom San Cristobal – Hügel aus. Am Abend ging es dann wieder zum Flughafen, in der Nacht flog ich weiter in den Süden, nach Punta Arenas, ein rund dreistündiger Flug. Dann hieß es warten. Warten auf den Transferbus. Warten auf dem Flughafen von Punta Arenas, ca. 3,5 Stunden, in eisiger Kälte, und dann fing es draussen auch noch zu schneien an…zwei Tage vorher war ich noch mit Freunden zu Hause im See baden, jetzt erfror ich fast am anderen Ende der Welt. Im südlichsten Südamerika war schließlich fast noch Winter. Mit dem Bus ging es dann also drei Stunden weiter bis nach Puerto Natales. Hier verbrachte ich den gesamten Tag, bevor es dann in der Nacht endlich in die einstündige und 20 minütige Fahrt weiter ging zum Hotel. Nach insgesamt 72,5 Stunden Anreise (alleine 23,25 Stunden Flugzeit) war ich endlich im Hotel „Patagonia Camp“ angekommen, wo ich die nächsten sechs Monate arbeiten sollte. Die erste Nacht verbrachte ich Yurte Nummer 1, wo ich mich in den Schlaf weinte.

„Patagonia Camp“ liegt komplett abgeschieden von der Aussenwelt, in einem Coigüe-Wald (eine Baumart), ca. 13 km vom Parque Nacional Torres del Paine entfernt. In das nächste „Städtchen“ Puerto Natales (16.000 Einwohner) sind es eine Stunde und 20 Minuten Fahrtzeit, in die nächste und praktisch einzige Stadt Punta Arenas (160.000 Einwohner) nochmals drei Stunden Fahrt ab Puerto Natales. Es gibt also nicht allzuviel da unten, im tiefen Patagonien. Lustig ist es allerdings schon, wenn man „al fin del mundo“ (am Ende der Welt) plötzlich Modern Talking im Radio hört.

Das Hotel verfügt über 18 Yurten, „Luxuszelte“, somit keine gewöhnlichen Hotelzimmer. Das besondere hierbei ist, dass man den Wind in den Zeltwänden hören und spüren kann (und es ist sehr windig in Patagonien), man hört die Regentropfen fallen, durch das Fenster in der Decke kommen die Sonnenstrahlen direkt herein und man kann die Sterne in der Nacht sehen – und es gibt Millionen von Sternen am südlichen Sternenhimmel – so viele Sterne und Bilder, die man in Europa nie zu Gesicht bekommt, so z.B. das „cruz del sur“ (Kreuz des Südens).

Da das Hotel so abgeschieden liegt, gibt es riesige bodegas, „Lagercontainer“, in denen Nahrungsmittel auf Vorrat gelagert werden. Brot, Brötchen, Kuchen, Plätzchen – alles wurde selber gebacken. Die Jungs von der mantención (Erhaltung, Technik) gingen im Toro-See fischen. Im See, an dessen Küste das Hotel liegt, wimmelt es nur so vor Lachsen. Alles Wasser im Hotel kommt aus diesem See, wurde gefiltert und „nach Benutzung“ aufbereitet und in den See zurück geleitet. Die Temperatur des Wassers im See lag bei ca. 4 – 5 °C, was uns allerdings nicht davon abhielt, hin und wieder baden zu gehen…

Aller Anfang ist schwer, und mir fiel es ganz besonders schwer: Ich hatte Deutschland und somit auch meinen pololo (chilenisch: Freund) verlassen. Wir waren erst sechs Wochen zusammen vor meiner Abreise, waren uns aber so vertraut, als ob wir schon jahrelang ein Pärchen wären, „bei uns steht zwischen einer Zeile mehr, als man in einem Buch schreiben kann“ („Du bleibst“, Clueso). Am ersten Tag im Hotel telefonierten wir miteinander, und er hörte über die 14.000 km hinweg, wie deprimiert und traurig ich war…Ich dachte ständig an ihn, rechnete die vier Stunden Zeitverschiebung, die uns trennten, um auf die deutsche Zeit und überlegte mir, was er wohl gerade macht. Ich litt sehr und zählte die Tage, die ich ihn bereits nicht mehr gesehen hatte…Bei diesem einen Telefongespräch sollte es dann allerdings auch bleiben. Die Nachrichten und eMails von ihm wurden immer spärlicher, bis sie dann komplett ausblieben…Mitte Oktober kam dann die Antwort per SMS auf meine direkte Nachfrage: „Ist es aus?“ …

Aber es gab auch andere Gründe und Probleme am Anfang: angefangen bei der Wohnsituation: ich lebte in einem Zimmer mit einer Grundfläche von vielleicht vier Quadratmetern (ungelogen!), zusammen mit Sandra, mit Gemeinschaftsbad über den kalten Aussenflur. Die Waschmaschine war kaputt, wir mussten mit der Hand waschen, wobei ich mir die Finger wund rieb und wie die Wäsche trocknen? Die wurde dann quer im Minizimmer verteilt und aufgehängt. Hin und wieder fiel Strom oder Wasser aus, für einige Minuten oder Stunden, aber das muss man entschuldigen. Die Waschmaschine wurde repariert, ich fand heraus, dass es sogar einen Wäschetrockner gab. Auch an das kleine Zimmer gewöhnt man sich. Später bin ich dann in ein größeres umgezogen, mit drei anderen Mädels, das Zimmer, an das das Bad grenzte…an was man sich allerdings nicht gewöhnen konnte, waren zwei Mitarbeiter im Camp. Zum einen Rodrigo, der „jefe de los guías“ und somit mein direkter „Vorgesetzter“. Er war einfach nur kompliziert, immer griesgrämig und schlecht gelaunt, äusserst sprachfaul (obwohl es ja seine Aufgabe war, mir die Dinge zu erklären und mich einzulernen). Wir wurden nie von ihm über irgendetwas informiert und auf die Großzahl der Fragen, die man ihm stellte, bekam man keine Antwort…er stellte unmögliche Regeln auf, wie z.B. dass das Feuer morgens um 8 Uhr im Aufenthaltsraum für die Gäste brennen musste, obwohl morgens nie ein Gast dieses Zimmer betrat.

Die zweite komplizierte Person im Camp war sein bester Freund, Nicolas, der Manager des Hotels. Bei ihm war alles verboten und alles falsch, was ich machte. Jeden Tag hatte ich Angst, wieder einen Standpauke zu hören…Eine der ersten Nächte verbrachte ich mit ein paar Jungs des Hotels – wir tranken, lachten, unterhielten uns und tanzten sogar in ihrem Zimmer. Am nächsten Morgen war die Hölle los. Nicolas hatte davon natürlich Wind bekommen und erklärte uns die „goldenen Regeln“ des Camps, die ich vorher noch nicht kannte: Alkohol verboten, Sex ebenso, keine Drogen. Ausserdem ist es natürlich verboten, laut zu sein und laut zu lachen (ich lachte viel und laut – mehrmals kam es vor, dass sich die Gäste an der Rezeption beschwerten…). Von da an kamen fast jeden Tag neue Regeln hinzu: so war es z.B. verboten, sich in einem der Schlafzimmer zu „vereinigen“ – wenn man sich treffen und unterhalten wollte, war das nur im Aufenthaltsraum möglich…

Eines Tages, als im Hotel keine Gäste waren, stand ich an der Bar und unterhielt mich mit Ignacio. Nicolas hatte das beobachtet und schalt mich dann, dass das nicht möglich ist! „Das waren keine zwei oder drei Minuten, das waren 15 Minuten!“ … Ignacio muss ja schließlich arbeiten und ich habe auch Aufgaben…ohne Gäste im Hotel…Die Kollegen im Hotel erinnerten sich noch sehr gut daran, dass ich an diesem Tag fast kein Wort mehr geredet und mich mit einem Buch über die chilenische Geschichte in eine Ecke gesetzt habe…am nächsten Tag gab es dann zur Strafe Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in Form von „Wanderweg säubern“ und Steine schleppen…
Aber das Grauen Nicolas hatte bald eine Ende und er wurde gefeuert, weil er sich einfach zu viele Fehler geleistet hatte. Somit wurde im Hotel alles ein bisschen lockerer genommen – nada prohibido (nichts verboten).

Mit Rodrigo dauerte es noch ein bisschen länger, bis er uns Anfang Januar endlich verlassen musste.
Aber zurück zum Anfang: da war also nun eine Neue im Hotel, eine Fremde, aus dem fernen Europa, die einzige nicht-Chilenin, mit blondem Haar und grünen Augen, so ganz anders, Die meisten dachten, ich komme aus Frankreich, da ich im spanischen wohl einen französischen Akzent habe. So z.B. der Bankangestellte auf Feuerland, der mich später mit „au revoir“ verabschiedete. Ignacio erzählte mir später, dass sich beim ersten Mittagessen niemand neben mich setzen wollte, weil ich so anders aussah. Aber das Eis brach schnell und schon am zweiten Tag nahm mich Luis mit zu seiner Abwasseraufbereitungsanlage und erklärte stolz, wie er den Chlorwert misst…
Ursprünglich hatte ich mich beworben, um an der Rezeption zu arbeiten, wurde dann allerdings als guía de trekking („Wanderführer“ – klingt scheisse) eingesetzt und durfte somit den „Parque Nacional Torres del Paine“ kennen lernen, den wohl schönsten Nationalpark in Chile. Die ersten rund sechs Wochen begleitete ich die anderen guías auf den Wandertouren, um den Park kennenzulernen, Informationen zu erlangen, die an die Gäste weiter gegeben wurden. Dann kam der große Tag, an dem ich ganz alleine mit den Gästen gehen durfte! Ich wahr natürlich sehr aufgeregt, aber es lief  alles super.

Meinen seelischen Tiefpunkt hatte ich eindeutig erreicht, als ich ALLEINE mit spanisch-sprachigen Gästen losgehen sollte. Ich fühlte mich absolut nicht in der Lage dazu, dachte , meine spanisch-Kenntnisse würden nie im Leben dazu ausreichen…Alle, alle sprachen sie mir ganz viel Mut und Glück zu – „qué te vayas muy bien“ – du schaffst das! Geschlafen habe ich nicht viel, diese Nacht, und am nächsten Morgen ging es los…und…hat alles geklappt! Freudestrahlend kam ich zurück und Ignacio meinte nur: „das hab ich dir doch vorher gesagt“ :).
Die Gäste wurden von uns von der Abholung vom Flughafen an betreut: der lange Transfer von Punta Arenas ins Hotel (insgesamt 4,5 Stunden). Dann gab es abends ein Treffen im puma-room, bei dem wir über den Park sprachen und bei einem pisco sour (Nationalgetränk Chiles) die Ausflüge für den nächsten Tag vorstellten. Die Wanderausflüge sahen in der Regel eine Wanderung morgens und eine zweite nachmittags vor (jeweils ca. 1,5 – 2 Stunden). Wir lernten den lago grey (grauer See) kenne, an dessen Ufer riesige Eisberge schwimmen, die vom Gletscher kommen. Wir stiegen hoch zum Cóndor-Nest auf ca. 300 Höhenmeter und genossen die grandiose Aussicht. Wir wanderten zur Basis der Hörner, einem Teil des Bergmassivs im Park, und schauten zu deren Spitzen hinauf. Wir wanderten entlang der „Küche des Pumas“, wo wir hunderte von Guanacos (eine Art wildlebende Lamas) sahen – tot und lebendig. Insgesamt bin ich 706 (!) km mit Gästen gewandert – am Anfang natürlich mit Blasen und schmerzenden Füßen…Zwischen den beiden caminatas (Wanderungen) gab es Mittagessen in Form eines Picknicks mit Suppe, Tee und Café und Box-Lunch für jeden. Hin und wieder gab es neben dem Namen auf der Box-Lunch auch kleine Nachrichten von den Jungs der Küche – so z.B. einmal „Alemana – casi chilena“ (fast-Chilenin).

Eine große Wanderung stand auch hin und wieder auf dem Programm: die 18 km-Tour zur „base de las torres“ („Basis der Türme“ – klingt schrecklich…). Die torres sind ebenfalls Teil des Bergmassivs im Park. Der Weg geht ca. vier Stunden bergauf, bis man dann überwältigt am Aussichtspunkt ankommt und die torres zum greifen nahe vor einem stehen…auf einer dieser Aufstiege sah ich den carpintero negro (Schwarzspecht) endlich das erste mal, nach rund vier Monaten. Der größte Specht Patagoniens ist schwarz und hat einen leuchtend roten Kopf (das Weibchen ist komplett schwarz).

Überhaupt gab es viele, viele Tiere im Park: Flamingos, Schwarzhalsschwäne, Adler. Viele von ihnen sind bei uns nur im Zoo oder Vogelpark zu finden, und leben im Park in freier Natur. Bis zuletzt war ich begeistert, wie majestätisch der Cóndor über unseren Köpfen flog. Den Puma sah ich leider nie in freier Wildbahn, nur auf einer Farm, die zwei Pumas im Käfig hält.

Ganz schön schwierig war es, die ganzen Namen der Tiere zu lernen, angefangen bei Chincol (eine Art Spatz), über Chuncho (eine Mini-Eule) bis hin zu Cometocino (ähnlich einer Blaumeise). Bei den Pflanzen war es ähnlich: Chaura, Murtilla oder Zarzaparilla.
Schön anzusehen waren natürlich die verschiedenen „Jahreszeiten“ im Park: von zwei Tagen Schnee Ende September über die Frühlingsblüte, später die verschiedenen Früchte und letztendlich die sich färbenden Blätter. Somit wurde es niemals langweilig. Auch dank der ganz unterschiedlichen Gäste: z.B. die beiden Brasilianer, die Angst vor dem Schnee hatten. Zwei Abenteurer-Franzosen, die über ein halbes Jahr durch Südamerika reisten ohne jegliche Buchung oder Reservierung und nur einem groben Plan, wo es als nächstes hingeht. Zwei Australier, die mit dem Motorrad von Alaska bis in die Antarktis unterwegs waren. Gäste aus Brasilien, die über ihre Bräuche erzählten, eine Chica aus México, die mir erzählte, wir man in ihrem Land Weihnachten feiert. Die exotischsten Gäste kamen von den Philippinen und aus Papua Neuguinea.
Sehr wichtig war natürlich das Wetter – von dem hing alles ab, es warf manchmal unsere ganzen Pläne um: wenn es zu windig und somit zu gefährlich für manche Wanderungen war oder wenn das Bergmassiv komplett mit Wolken eingehüllt war, mussten wir schnell das Programm umstellen…

Es gab auch ein paar Zwischenfälle, sonst wäre es ja langweilig geworden: der erste Unfall ereignete sich bei recht starkem Wind: ein Gast stürzte und konnte nur noch humpelnd wieder den Berg hinunter laufen. Ein dicker Calafate-Ast, den ich gesucht hatte, half ihm ein bisschen. Danach ging es ins Krankenhaus nach Puerto Natales. Gerade an diesem Morgen hatte jemand im Camp gemeint, ob ich erkältet bin und ins hospital muss, worauf ich erwiderte, wenn ich in dieses Bruchbuden-Krankenhaus muss, werde ich nur noch mehr krank…der Fuß des Gastes wurde geröntgt und es stellte sich heraus, dass er sich eine leichte Fraktur zugezogen hatte. Mit einem Gipsbein verließ er kurz später das Krankenhaus und am nächsten Tag reiste er ab.

Gleich einen Tag später die nächste Katastrophe: wir fuhren in den östlichen Teil des Parks, zum Paine-Wasserfall, machten hier einen kurzen Stopp und setzten die Fahrt weiter. Keine 20 m gefahren, ging der Van aus und sprang nicht wieder an…Keine Chance. Die Reichweite des Funkgerätes reichte nicht aus, um das Hotel zu informieren, wir waren zu weit weg und weit und breit nichts und niemand…Doch wir hatten Glück und nach nur ca. 15 Minuten Wartezeit kamen zwei Kleinbusse eines anderen Hotels. Diese nahmen und mit (ich war an diesem Tag nur mit zwei Gästen unterwegs) bis zum „Parkinformationspunkt“. Hier versuchte ich, das Hotel telefonisch zu erreichen, doch es kam keine Verbindung zu Stande. Die Gäste hatten mittlerweile Hunger, es war gegen 2 Uhr nachmittags, und aßen die für sie vorgesehenen Schoko- und Müsliriegel komplett auf. Da die beiden schließlich nicht länger warten wollten, machte ich dem Park-Ranger klar, dass er mit Hilfe der Park-Administration dem Hotel Bescheid geben sollte, was passiert war, und dass um halb fünf ein Van am Endpunkt des Wanderweges bereit stehen sollte. Und so wanderten wir los. Ca. eine halbe Stunde bevor wir den Parkplatz erreichten, bekam ich einen Funkspruch auf mein Walky-Talky – Der Kleinbus stand für uns bereit, es hatte alles geklappt. Gott sei Dank. Aber so etwas passiert eben, wenn man akustische Warnsignale im Auto löst, indem man die Sicherung zieht – méthode chileno :)

Typisch im Sommer ist der Wind – Patagonien ohne Wind ist nicht Patagonien. So waren wir an einem überaus windigen Tag im Park unterwegs, hatten gerade die Lagune der Zwillinge passiert, als sich links von uns auf dem Hügel eine riesige Windwolke aus Erde bildete. Sie bewegte sich vom Hügelkamm aus nach unten, direkt auf uns zu, bis sie uns komplett einhüllte. Und auf einmal gab es einen Regen aus Asche, Erde und Glasscherben – IM Auto! Durch den Wind hatte es eine der beiden kleinen Heckscheiben zerschlagen… – also immer was los…

Weitaus weniger spektakulär aber immer begeistert aufgenommen von den Gästen wurde es, wenn wir einen Baqueano, einen Cowboy auf seinem Pferd und mit seinen Hunden sahen – ein ganz typisches Bild in Patagonien.

Aber nun wieder zurück ins Hotel: natürlich gab es ganz liebe Kollegen und ich habe viele besondere Menschen kennen gelernt. Ca. 25 Mitarbeiter gab es im Hotel – sei das Küche, Restaurant, Rezeption, Zimmermädchen, Technik, Fahrer, guías und sogar eine Person, die für die bodega (die „Lagercontainer) verantwortlich war. Erschreckt hat mich die große Fluktuation der Mitarbeiter: einige blieben nur einige Wochen oder Tage, verschwanden dann wieder, ein Mädchen an der Rezeption hielt es einen ganzen Tag aus bevor sie die Segel strich.

Ich half fast überall mal aus; übersetzte für die Kellner auf englisch, wusch in der Küche das Geschirr ab, putzte mit den Fahrern den Van oder arbeitete auch mal als mucáma (Zimmermädchen).

Wir waren wie eine große Familie im Camp, und somit sprach sich alles unendlich schnell herum. So fragte mich z.B. Loreto einmal am Telefon, ob mein Sonnenbrand immer noch so schlimm sei, obwohl sie diesen überhaupt nicht gesehen hatte. Oder eines Morgens, nachdem ich in einem Zimmer der Jungs geschlafen hatte, wusste das ganze Camp bereits Bescheid, bevor ich das Zimmer überhaupt verlassen hatte.

Wir verbrachten den ganzen Tag und auch die Abende zusammen. Saßen zusammen im Aufenthaltsraum vor dem einzigen Fernseher im ganzen Camp, schauten zusammen Fußball und freuten uns, wenn „das große U“ (Universidad de Chile) ein gooooooooooool schoss (die Kommentatoren zogen dieses goooooooooooool gefühlte fünf Minuten lang – so etwas habe ich noch nie gehört); die Jungs spielten „truco“, ein beliebtes chilenisches Kartenspiel; oder wir setzten uns an den See und angelten. Abend blieb es bis fast 11 Uhr hell, wobei der 21. Dezember der längste Tag war. Morgens ging bereits gegen 4 Uhr wieder die Sonne auf.
Einige Kollegen werden mir noch lange im Gedächtnis bleiben. So z.B. „Giovanni caliente“, der „heisse“ Giovanni :) er friert nie, würde auf spanisch heissen „Giovanni tiene calor“ – ich sagte aus Versehen „Giovanni caliente“ -aber er war trotzdem glücklich mit diesem Ausdruck und ich lernte, wie man es richtig sagt. Klar, es gab so manches mal sprachliche Fehltritte – ich sagte dann einfach „no hablo español“ („ich spreche kein spanisch“). Gelacht wurde auch, als ich mal wieder im Essen rumstocherte und jemand meinte, ich wäre ein pollo (Hühnchen). Ich meinte darauf, „pero no tengo un pico“ („ich habe keinen ‚pico’“ – wobei pico ‚Schnabel‘ heisst, auf chilenisch allerdings auch der Penis so bezeichnet wird) :).

Ja, dann wäre da natürlich Manolo mit seinen „tres novias“ (drei Freundinnen); Luis, der tata (Opa), Mapuche Miguel Angel (die Ureinwohner aus der Region, aus der er stammt, hießen Mapuche) oder Sergio, der an einer „competición de tragos“ in Puerto Natales mit seinem Drink „lago del toro“ teilnahm. Wir begleiteten und unterstützten ihn. Sergio überzeugte die Jury, setzte sich gegen die anderen sieben Teilnehmer durch und gewann den Wettbewerb!!

Nicht zu vergessen natürlich Ignacio: er entwickelte sich zur wichtigsten Person im Camp für mich. Wir konnten über alles reden. Er wusste über meine Beziehung und die nicht vorhandenen Nachrichten meines ex-pololos. Er erzählte mir auch von seiner „fast-Freundin“ und die Geschichte schien sich zu wiederholen: auch sie meldete sich von einem auf den anderen Tag nicht mehr…Wir konnten über alles sprechen. Er war derjenige, der mich heimlich in der Küche geküsst hat. Er war derjenige, der mich auf der langen Busfahrt von Punta Arenas nach Puerto Natales gestreichelt hat. Er war derjenige, der mit mir spanisch gelernt hat. Er war mein profesor, hat geduldig meine tausende von Fragen beantwortet. Später habe ich nie wieder so einen super Lehrer gefunden. Danke, Ignacio! Leider hielt diese Beziehung nicht so an, und ab Mitte Dezember entfernten wir uns mehr und mehr voneinander. Vielleicht lag es an der Arbeit: er als garzon (Kellner) arbeitete morgens und abends, wenn ich frei hatte. Am Tag, wenn ich mit den Gästen unterwegs war, hatte er nichts zu tun. So sahen wir uns (immer) weniger. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mehr Zeit mit Miguel Angel verbrachte, eben weil Ignacio nicht mehr da war. Auch zu Miguel Angel fasste ich mehr und mehr Vertrauen, wir führten tiefsinnige Gespräche, er erzählte mir aus seinem Leben und ich lernte von ihm, dass confianza (Vertrauen) ein riesengroßes Geschenk ist. Auch er wurde ein sehr wichtiger Mensch für mich, wobei die Beziehung zu ihm niemals zu vergleichen war mit der zu Ignacio…Ignacio wurde wie ein Fremder für mich. Wir wussten überhaupt nichts mehr voneinander und ich vermisste ihn, obwohl wir zusammen arbeiteten und lebten…Gegen Ende meines Aufenthalts wurde unsere Beziehung wenigstens doch wieder ähnlich einer Freundschaft…
Ein ganz anderes Thema, ws mich fasziniert hat, ist die Geschichte Patagoniens: Im Jahre 1521 erreichte Hernando de Magallanes, ein portugiesischer Seefahrer, das südliche Patagonien und fand Ureinwohner vor, die zu diesem Zeitpunkt immer noch dort lebten. Im Jahre 1521, als Europa mitten im Mittelalter steckte!

Heute ist Chile eines der weitentwickeltsten Länder Südamerikas und gehört ebenfalls zu den sichersten. Chile ist ein recht sauberes Land, allerdings sieht man in jedem noch so kleinen Dörfchen eine Vielzahl von Hunden, die auf der Straße leben. Die Lebensweise ist natürlich eine ganz andere. Die Deutschen werden gerne als „frio“ (kalt) bezeichnet. Natürlich gibt es auch negative Erfahrungen – undendlich traurig fand ich es, wenn mir der Hitlergruß vorgeführt wurde, und das nicht nur einmal…Die Chilenos verstehen einfach nicht, dass das etwas ganz negatives für uns ist – aber ich habe schließlich auch keine Witze über Pinochet gemacht…
Aber zurück zur chilenischen Kultur, z.B. zur música: ich liebe die südamerikanische Musik, ganz besonders den reggaeton!!

Eine tolle Erfahrung war auch die riesige Gastfreundschaft, die ich spüren durfte: mehrere Kollegen luden mich in ihr Haus ein, wenn ich frei hatte. Bei vielen Familien der compañeros war ich willkommen. Ich, die Fremde, wurde gleich zu „café y pan“ (Café und Brot) eingeladen, oft wurden mir dann auch ganz stolz Fotos von Familie und Enkeln vorgeführt.
Und, in bestimmten Dingen, sind die Chilenos auch sehr, sehr pünktlich (!): so wollte ich z.B. einmal genau 20 Minuten vor Abflug für einen Flug einchecken. Ja, ich war ein bisschen spät dran…Die nette Frau vom counter meinte dann, der Flug wird 20 Minuten vor Abflug geschlossen – und somit verpasste ich meinen Rückflug…

Chile ist zudem ein sehr, sehr langgestrecktes Land, ca. 4000 km lang, so lang, dass es beim Wetterbericht in sieben Teile aufgeteilt werden muss, um alle Zonen zeigen zu können…lang und sehr vielfältig. Ich wollte natürlich auch noch andere Teile dieses schönen Landes kennen lernen, und so unternahm ich einige Ausflüge. Wir arbeiteten jeweils elf Tage und hatten dann vier Tage frei. So hatte ich die Möglichkeit, ein bisschen herumzureisen. Ausserdem war es ganz gut, nach elf Tagen im Camp mal raus zu kommen, in die Stadt und mal andere Gesichter zu sehen.
Die ersten freien Tage nutzte ich aus, um erst einmal Puerto Natales kennenzulernen. Dann kam schon der erste organisierte Tagesausflug nach El Calafate in Argentinien und zum Perrito Morreno Gletscher.

Das nächste mal stand dann Punta Arenas auf dem Programm: zusammen mit Mauricio, unserem pastelero, lernte ich colectivo (Sammeltaxi) fahren und durfte in seinem Haus übernachten, was ein sehr großer Vertrauensbeweis für mich war. Denn Mauricio ist schwul. In Chile spricht niemand darüber und niemand fragt danach. Aber alle im Camp wussten es. Auf meine Frage, mit wem er zusammen wohnt, meine er „con un amigo“ (mit einem Freund) – in ihrem Haus sah ich dann natürlich, dass beide in einem Zimmer in einem Bett schliefen.

Die nächsten Ausflüge gingen dann ein Stück weiter weg, wobei zu bemerken ist, dass ich in der Regel immer nur Flüge gebucht habe. Eine Unterkunft fand ich immer vor Ort.

So ging es z.B. nach Porvenir auf Tierra del Fuego (Feuerland). Auf diesem Flug war ich dafür verantwortlich, dass ein ganzes Flugzeug wegen mir Verspätung hatte. Nur fünf Minuten, aber immerhin. Es waren ganze acht Passagiere in einem Mini-Flugzeug :), und ich durfte trotzdem vorne neben dem Piloten sitzen. Auf Feuerland schloss ich mich einen Tag einer Busgruppe an, die mir die nähere Umgebung Porvenirs zeigten. Am zweiten Tag fand ich dann einen Taxifahrer, Marcelo, der mir den Norden der Insel zeigte: es ging durch die Hügel, auf der Goldstraße entlang, auf der man noch verrostete Fördermaschinen vom ehemaligen Goldrausch sehen kann und dann zur Küste, an der wir sogar Königspinguine entdeckten! Viel schöner und größer als die Magellan-Pinguine, die ich mir auf einem weiteren Ausflug angeschaut hatte.

Der nächste Flug ging dann noch weiter in den Süden, nach Puerto Williams, die südlichste Ortschaft der Welt. Unterkunft hatte ich in einer lieben, kleinen Familie gefunden, wo ich z.B. dem Kleinsten bei den Hausaufgaben half. Hier wanderte ich z.B. auf den cerro de la bandera, den „Hügel der (chilenischen) Flagge“ und in den Etnobotanischen Park „Omora“ – ganz alleine, ohne jegliche Menschenseele, ganz langsam und leise, um ja kein Tier oder keinen Vogel zu stören, und konzentriert auf jedes noch so kleinste Geräusch, sei es der Wind in den Bäumen oder ein Specht in der Ferne…Meine eigentliche Mission in Puerto Williams war eigentlich, zum Kap Hoorn zu fahren. Nachdem ich mich im halben Dorf rumgefragt hatte, landete ich schließlich bei der Armada de Chile (Marine), die regelmäßig um das cabo de hornos herumfahren um zu schauen, ob die Leuchttürme funktionieren und diese gegebenenfalls zu reparieren. Das Boot der Armada sollte eigentlich starten, als ich mich vor Ort befand, allerdings wurde dies dann doch gecancelt, aufgrund des starken Windes…Somit lernte ich allerdings Hernán kennen, der „Chef des Bootes“, ein SEHR dunkler Chilene mit BLAUEN Augen, „mi amigo más austral del mundo“ (mein südlichster Freund der Welt). Da es mit dem Kap Hoorn nicht klappte, wurde ich allerdings auf das Boot zum typischen „once“ (Teezeit) eingeladen, und Hernán zeigte mir die Narben auf seinen Armen und erzählte mir, dass ihn Haitianer auf einem seiner Einsätze mit Pfeil und Bogen nieder geschossen hatten.

Um dann mal einen richtigen Kontrast zu erleben, trat ich Anfang Dezember die lange Reise nach Rapa Nui, auf die Osterinsel, an. Wunderschön! Palmen, heisses Klima, solch ein Unterschied zum Süden! Ich mietete mir ein Quad und erkundete damit die ganze Insel. Unendlich schade, dass die meisten Moai immer noch umgeworfen daliegen, noch nicht wieder aufgestellt wurden. Aber äußerst interessant.

Dann kam langsam die Weihnachtszeit. Wie die Gruppe im meinVZ besagt: „Weihnachten ohne drei Haselnüsse für Aschenbrödel geht gar nicht“. Ohne deutsches Fernsehen saß ich aus diesem Grund stundenlang im Internetcafé und schaute mit Teil für Teil bei youtube an. Ohne geht es halt nicht :).
Weihnachten feierten wir zusammen im Camp, bei einem asado (Grillfest) und Weihnachtsbaum. In Chile gratuliert man sich um Mitternacht vom 24. auf den 25. Dezember mit Umarmungen zum Fest – ¡Feliz Navidad! Danach gibt es endlich die Geschenke. Für mich kamen Pakete aus der Heimat an – die Lieben hatten an mich gedacht und der Weihnachtsmann bescherte Fußbad und passende Fußcreme dazu.

Und dann kam der für uns schwärzeste Tag der gesamten Saison – im wahrsten Sinne des Wortes. Am 27. Dezember 2011 brach in unserem Nationalpark ein incendio (Waldbrand) aus. Verursacht von zwei Touristen, die ihr Toilettenpapier verbrannten…als das Feuer ausbrach, rannten sie weg, ließen wohl aber ihre Rucksäcke mitsamt den pasaportes zurück, die nicht verbrannten und später gefunden wurden. Das Feuer verbreitete sich rasend schnell. Die ersten beiden Tage herrschten Winde bis zu 130 km/h aus verschiedenen Richtungen, ca. 15 m pro Minute breitete sich das Feuer aus. Später hörten wir die Helikopter fliegen, die Wasser brachten, um die Flammen zu löschen, rochen den Qualm, sahen den Rauch, der manche Tage das komplette Bergmassiv verdeckte und verfolgten die Geschehnisse in den Nachrichten. Das dritte und schlimmste Feuer in der Geschichte des Nationalparks. Am vierten Tag musste sogar der gesamte Tag geschlossen werden, sechs Tage lang, das erste mal überhaupt. 700 Feuerwehrmänner kämpften gegen die Flammen an, Verstärkung für die Chilenos kam aus Argentinien und Paraguay. Das Feuer hielt ca. drei Wochen an, danach waren rund 25.000 ha verbrannt, zehn Prozent des gesamten Parks.

Während der Schließung gingen unsere Ausflüge natürlich weiter und wir mussten uns Alternativen für die Gäste ausdenken. So kletterten wir z.B. auf den Dorotea-Berg, lernten das chilenische Pferde-Rodeo kennen und boten Reitausflüge an (nach fünf Stunden auf dem Pferd tat mir der „culo“ so weh, dass ich den ganzen Tag nicht mehr sitzen konnte…). Als wir dann endlich wieder in den Park konnten, waren wir unendlich glücklich. Bei dem Anblick des verbrannten Parks allerdings blutete uns unendlich das Herz…
Zum „año nuevo“ stießen wir auf die Feuerwehrmänner an, die den Brand bekämpften. Silvester wurde wieder mit einem asado gefeiert und in Chile gibt es die Tradition des „primer abrazo del año nuevo“: die erste Umarmung im Neuen Jahr ist die bedeutendste und gilt dem wichtigsten Menschen eines jeden. Für mich gab es schon mal „Vorab-Umarmungen“, um 20:00 Uhr chilenische Zeit, d.h. Mitternacht in Deutschland. Die echte erste Umarmung durfte ich dann Ignacio schenken.

Auch im Jahr 2012 ging es weiter mit Ausflügen – mal wieder eine organisierte Tagestour, dieses mal in den Vulkan-Nationalpark Pali Aike.
Danach in „unseren“ Nationalpark: in der Nacht stieg ich zu den „torres“ hinauf, um mir den Sonnenaufgang anzuschauen. Nachts, im Dunkeln und mit Taschenlampe, eineinhalb Stunden quer durch den Wald, mit der eiskalten Angst im Nacken, dem Puma zu begegnen…Es gibt viele Verhaltensregeln, wie man dem Puma am Tag begegnen sollte, aber in der Nacht?? Gott sei Dank blieb mir das aber erspart. Die torres erscheinen beim Sonnenaufgang oftmals in rubinrotes Licht getaucht. Ich hatte allerdings kein Glück – trotz fast Erfrierungserscheinungen, die ich tapfer aushielt, gab es nur gelbe torres…

Der nächste Ausflug führte mich dann auf die Insel Chiloé: Ich flog nach Puerto Montt,. Holte meinen Mietwagen ab (den ich ausnahmsweise vorher gebucht hatte) und erkundete die grüne Insel: noch nie zuvor habe ich so viele verschiedene Grüntöne gesehen! Unglaublich! Das viele grün kommt, natürlich, vom Regen. Es regnete jeden Tag, aber darauf war ich ja vorbereitet, der Regenschirm war im Gepäck. Chiloé ist auch die Insel der Kirchen – jedes kleine Dörfchen hat seine kleine Holzkirche, teilweise bunt bemalt, teilweise braunes Holz. Und Chiloé ist auch die Insel der „palafitos“ – bunte Häuschen auf Holzpfählen, die man sich in Castro, der Inselhauptstadt, anschauen kann. Am Ende meines Aufenthaltes ging es dann noch nach Puerto Varas (wieder zurück auf dem Festland). Ganz schön ungläubig schaute ich mir die Kirche an, die wie eine typische bayrische Kirche aussieht, und das mitten in Chile. Die Architektur kam, claro, direkt aus Deutschland, mit den Immigranten während des Zweiten Weltkrieges.

Ende Februar verabschiedeten sich schon einige Kollegen aus dem Camp, um weiter zu studieren nach den langen Sommerferien. Somit gab es vorher nochmal ein Abschieds-asado. Zusammen grillten wir ein letztes mal, es wurde viel getrunken (nie wieder ron -Rum- pur…), und in der Nacht schlief fast niemand in seinem Zimmer, geschweige denn in seinem Bett – piesas mixtas!
Schließlich folgte auch mein Abschied: am Abend versammelten sich alle im Aufenthaltsraum und die Jungs aus der Küche brachten eine Schokotorte mit dem Schriftzug „Jazmin“. Solch einen großen Abschied wollte ich doch gar nicht!…am nächsten und letzten Tag hatte ich frei, packte meinen Koffer und dann kam der Moment des Abschiedes: ganz viele abrazos (Umarmungen), besos (Küsschen) und beim Abschied vom Ignacio kamen auch die lágrimacitas (Tränchen). Mit dem Van ging es los, das letzte mal Durchqueren des Hotel-Portals, der letzte Blick zurück auf das Bergmassiv oben im Park…und dann kam das Unerwartete…regreso – Rückkehr ins Camp :) Die Scheibe des Kleinbusses befand sich nicht mehr richtig in ihrer Halterung und bewegte sich beachtlich hin und her – bei dem camino de tierra, „Weg aus Erde“, mit großen Schlaglöchern keine gute Idee, und so entschied Iván, der Fahrer, nach ca. drei Kilometern, wir drehen um und tauschen das Auto. Das Camp wollte mich nicht so richtig loslassen…Also nochmals Ignacio drücken, der sich gleich erkundigte „estás más tranquila, ahora?“ – hast du dich ein bisschen beruhigt? Eine letzte Umarmung, ein letzter Kuss und nochmal Tränchen. Der Abschied von ihm fiel mir mit Abstand am schwersten, er war eben doch immer noch die wichtigste Person im Camp für mich, auch wenn sich unsere Beziehung so geändert hatte…

Die nächsten zwei Tage verbrachte ich in Puerto Natales, dann flog ich nach Santiago. Von hier aus fuhr ich in die nahe gelegene Stadt Valparaiso, wo ich mich mit Felipe traf. Er hatte im Hotel ein Praktikum in der Küche absolviert und wohnt in dieser Stadt. Unendlich überstürmisch wurde ich von Loreto, der ehemaligen Kellnerin, begrüßt, die sich auch momentan in Valparaiso befand. Die beiden zeigten mir ein bisschen die Stadt. Wir liefen die verschiedenen Hügel hoch und runter, fuhren auch mit einem antiken ascensor (Aufzug), liefen zur muelle (Mole), wo wir Seelöwen und Pelikane sahen und fuhren mit einem „trole“, einem antiken Bus.
Am nächsten Tag ging es dann in den Norden Chiles, nach San Pedro in die Atacama-Wüste. Der trockenste Ort auf der gesamten Welt, und somit der krasse Gegensatz zu Eis und Gletschern im Patagonien…Unglaublich,man fährt durch Wüste, durchs „nichts“ und auf einmal kommt man in die Oase San Pedro de Atacama. Ein niedliches kleines Dörfchen, dass komplett in terrakotta gehalten ist.

Her schaute ich mir die Lagunen und Oasen des Altiplanos an, wanderte im Valle de la luna (Tal des Mondes), schwebte in der Lagune Cejar (man geht, aufgrund des unheimlich hohen Salzgehaltes, nicht unter und kann auf der Oberfläche schweben). Morgens um 4 Uhr ging es los zu den Geisiren, da diese ihre größte Aktivität zum Sonnenaufgang zeigen. San Pedro liegt auf einer Höhe von 2.400 m ü.NN, die Ausflüge gingen bis auf fast 4.500 m Höhe (zum Vergleich: der Parque Nacional Torres del Paine liegt mehr oder weniger auf Meereshöhe) – diese Höhe und auch die Hitze in der Wüste haben mir ganz schön zu schaffen gemacht. Die Temperatur lag bei ca. 30 °C – aus diesem Grunde starteten die Ausflüge auch morgens um 7 Uhr bis mittags und dann ging es ab 16 Uhr weiter.

Ich habe also viele verschiedene Seiten Chiles kennen gelernt. ¿Qué falta? – Was fehlt am Ende? Die Antártica.; der parque Pumalín – ein Regenwald und das größte sich in Privatbesitz befindliche Naturschutzgebiet der Welt; und Viña del Mar, die Stadt, mit der Valparaiso praktisch zusammen gewachsen ist — dafür war am Ende leider nicht mehr ausreichend Zeit vorhanden.
ABER: wie die Chilenos sagen: Schau im Flugzeug zurück, dann kommst du irgendwann einmal wieder!