Wie ein Pferd eine Nation veraenderte

Als Backpacker kennt man das vielleicht. Man moechte in einer Bar arbeiten, braucht aber ein RSA (Responsible Service of Alcohol)-Certificate. Man moechte in einer Spielhalle arbeiten, braucht aber ein RCG (Responsible Conduct of Gambling)-Certificate. Verwundert reibt man sich die Augen und fragt sich: Warum? Was ist das Problem der Australier? Entweder sind sie ein sehr gruendliches und sorgsames Volk oder sie haben ein echtes Problem im Umgang mit Alkohol und Gluecksspiel.

Letzteres trifft wohl vor allem zu, wenn es um die Legende von Phar Lap geht, ein Pferd, das bereits vor mehr als 70 Jahren gestorben ist und trotzdem in Australien immer noch abgoettisch verehrt wird. Die Geschichte von Phar Lap ist beides – absurd und ergreifend. Einerseits erscheint es fuer Nicht-Australier vollkommen absurd, was fuer einen Kult man um ein totes Tier inszenieren kann. Andererseits ist das Leben Phar Laps und seine Wirkung auf die Menschen seiner Zeit so ergreifend, das es das Zeug zu einem kitschigen Hollywood-Blockbuster haette. Eine Art neuer Pferdepfluesterer mit Russell Crowe in der Hauptrolle als Phar Laps treuer Stallburscher Tommy Woodcock waere sicherlich das Mindeste, was man in Down Under erwarten wuerde.

Um die Legende von Phar Lap zu verstehen, muss man zu seinen Anfaengen zurueckgehen. Geboren wurde das Tier am 4. Oktober 1926 in Neuseeland. Wollte sein Besitzer Phar Lap zu Beginn noch als Rennpferd einsetzen, so gab er dieses Vorhaben relativ rasch wieder auf. Phar Lap war zu gross und zu schwer. Ernuechtert verkaufte der Besitzer den Hengst in Sydney fuer den Spottpreis von 160 Pfund.

Auf diese Weise gelangte Phar Lap an die drei Maenner, die fortan sein Leben bestimmen sollten, den Pferdetrainer Harry Telford, den Jockey Jim Pike und vor allem den Stallburschen Tommy Woodcock, der in den folgenden Jahren ein inniges Verhaeltnis zu dem Pferd aufbauen sollte. Geimeinsam trainierten die drei Phar Lap und glaubten, trotz anfaenglicher Rueckschlage, unbeirrt an das Potential Phar Laps als Rennpferd.

Allmaehlich begann sich ihre Hartnaeckigkeit auszuzahlen. Phar Lap begann 1929 seine ersten Rennen zu gewinnen. Schliesslich im Sommer 1931/32 war er auf dem Hoehepunkt seiner sportlichen Laufbahn. Kein anderes Pferd in Australien konnte mehr mit Phar Lap mithalten. Der Hengst aus Neuseeland schien unbezwingbar zu sein.

Zu diesem Zeitpunkt begannen sich die Maenner hinter Phar Lap nach einen neuen Aktionsfeld fuer das Tier umzusehen. Sie erkoren schliesslich das damals hoechstdotierte Pferderennen in Agua Caliente (Mexiko) aus, um Phar Lap dort an den Start zu schicken. Unter dem finanziellen Aspekt war diese Entscheidung sicherlich richtig. Mit einem Rennpferd wie Phar Lap liess sich in Mexiko viel Geld verdienen. Fuer Phar Lap selbst erwies sich die Entscheidung allerdings als fatal.

Nicht nur dass das Tier am 20. Maerz 1932, dem Tag des Rennens, bereits sein Winterfell angelegt hatte und damit den einheimischen Tieren unter der gluehenden Sonne Mexikos eindeutig unterlegen war (ein Tatbestand, der Phar Lap uebrigens nicht daran hinderte, immer noch mit zwei Laengen Vorsprung zu gewinnen.), auch die lange Ueberfahrt und die fremde Umgebung schienen Phar Lap nicht zu bekommen. Bereits kurze Zeit nach seinem triumphalen Sieg wurde das Tier krank und starb, so besagt es zumindest die Legende, am 5. April 1932 in Kalifornien in den Armen seines menschlichen Freundes Tommy Woodcock.

Die Australier, die das Wunderpferd mittlerweile in ihr Herz geschlossen hatten, erfuhren aufgrund der langen Informationswege gleichzeitig von Phar Laps Triumph und ploetzlichem Tod. Ausser sich vor Wut beschuldigten sie die Amerikaner, ihr siegreiches Ross vergiftet zu haben. Erst vor wenigen Jahren konnte schliesslich anhand von DNA-Analysen nachgewiesen werden, dass Phar Lap nicht vergiftet worden war. Er starb entweder an Kolik oder an einem bakteriellen Infekt.

Was bleibt ist jedoch die Legende von Phar Lap, des schier unbesiegbaren Rennpferdes, dessen Wirkung auf das damalige Australien fast nicht ueberschaetzt werden kann. Zum einen gab er den Menschen Hoffnung. Die grosse Depression, welche im Oktober 1929 an der New Yorker Wall Street ihren Anfang genommen hatte, hatte die ganze Welt in eine schwere Wirtschaftskrise gestuertzt. Auch Australien, das damals sogar noch mehr als heute stark vom Export einheimischer Rohstoffe abhaengig war, wurde durch den raschen Fall der Rohstoffpreise schwer von der Weltwirtschaftskrise getroffen. Die Menschen verloren ihrer Arbeit, verarmten, hungerten!

Doch da war Phar Lap – das Licht in der Dunkelheit. Und da waren die Sportwetten, durch die auch der Durchschnittsaustralier am Erfolg des Hengstes teilhaben konnte. Dementsprechend plazierten viele Menschen eine Wette auf das siegreiche Pferd. Und auch wenn die Quoten nicht mehr exorbitant hoch waren, gewinnen konnte man immer etwas Geld. Somit mutierte Phar Lap binnen kurzer Zeit zum populaeren Gluecksbringer, mit dem sich die Hoffnung vieler Menschen auf ein besseres Leben verband.

Zum anderen beeinflusste Phar Lap in starkem Masse die damalige Medienwelt Australiens. In einer Zeit, in der man sich der medienwirksamen Bedeutung von Sportereignissen erst langsam bewusst wurde, entfachte Phar Lap wahrlich ein kleine Revolution in der australischen Medienwelt. Unternehmen verbanden ihre Produktwerbung mit Phar Lap. Zeitungen druckten Phar Laps Kopf auf der Titelseite und erreichten damit deutliche Auflagesteigerungen. Und Radiosender erfreuten sich immer groesserer Popularitaet aufgrund ihrer Live-Uebertragungen von Phar Laps Rennen. Phar Lap war schier ueberall und das Volk liebte ihn.

Von dieser innigen Zuneigung der Australier zu ihrem Wunderpferd kann man sich auch heute noch ueberzeugen. Und damit beginnt jetzt der eklige Teil! Nach Phar Laps 37 Siegen in 51 Rennen und seinem ploetzlichen Tod in Kalifornien, konnte man sich nicht auf eine angemessenen Begraebnisstaette fuer das Tier einigen. Jeder wollte dem Hengst auch nach seinem Tod noch nahe sein. Schliesslich verstaendigte man sich auf eine Dreiteilung. Phar Laps Skelett wurde in seine Heimat Neuseeland gebracht. Sein Herz erhielt Canberra, die damals noch junge Hauptstadt Australiens. Sein eigentlicher Koerper schliesslich wurde ausgestopft und nach Melbourne gebracht, wo er seitdem im Melbourne Museum zu sehen ist.

Man kann daher auch heute noch Zeuge einer kleine alljaehrlich stattfindenden Zeremonie werden. Jedes Jahr zu Beginn einer neuen Rennsaison sieht man die eher klein und zierlichen australischen Pferdejockeys ehrfurchtsvoll das Melbourne Museum betreten. Andaechtig betreten sie das kleine Separee, in dem der riesige Koerper Phar Laps ausgestellt ist. Mit einer Hand fassen die Jockeys behutsam an die Vitrine des Pferdes. Sekundenlang verharren sie in dieser Position und hoffen darauf, dass zumindest etwas von Phar Laps unglaublichem Erfolg auf sie und ihr Pferd uebergeht. Denn eins ist auch nach 74 Jahren noch klar: Die Legende von Phar Lap lebt.

Florian Kuhlmey

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