Akademiker in Australien wandern nach Australien aus

Wirtschaftsprofessor Michael C. Burda fordert Reform der Hochschulen von Stefan Biestmann

Berlin -  Das Phänomen "Brain Drain" bereitet Deutschland Kopfschmerzen:
Immer mehr junge Akademiker verlassen das Land, weil sie keine Perspektiven mehr sehen. Michael C. Burda, Wirtschaftsprofessor an der Humboldt-Universität Berlin und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, kennt das Problem aus eigener Erfahrung. Mit Burda sprach Stefan Biestmann.

DIE WELT: Herr Burda, wie viele Studenten aus Ihrem Fachbereich an der Humboldt-Uni wandern jährlich aus?

Michael C. Burda: Im Schnitt wandern zwei bis drei meiner besten Studenten ins Ausland ab. In den letzten zwölf Jahren sind es insgesamt 25 gewesen. Nur rund ein Drittel dieser Studenten ist wieder nach Deutschland zurückgekommen.

DIE WELT: Warum suchen junge Akademiker zunehmend ihr Glück in der Fremde?

Burda: Viele Studenten oder Doktoranden gehen in die USA oder nach England, weil sie dort bessere Promotionsbedingungen vorfinden. Das Doktoranden-Studium in den USA ist viel straffer konzipiert. Außerdem ist das Leistungsniveau auch an qualitativ eher mäßigen Universitäten sehr hoch. Zugleich merken die deutschen Studenten, dass die meisten Wissenschaftler, die etwas in den internationalen Fachzeitschriften publizieren, im Ausland studiert haben.

DIE WELT: Die Humboldt-Universität genießt aber doch ein hohes Ansehen. Warum gelingt es trotzdem nicht, die Studenten zum Bleiben zu überreden?

Burda: Die Probleme in Berlin sind hausgemacht. Wir müssen größer werden und unsere Kräfte mehr bündeln. Deshalb halte ich eine Fusion von Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin für erforderlich. Wir können es uns aber in Zukunft auch nicht mehr leisten, weitere Professoren-Stellen zu kürzen.

DIE WELT: Welche Reformen sind erforderlich, um deutsche Unis international wieder wettbewerbsfähig zu machen?

Burda: Notwendig ist eine tief greifende Reform des Hochschulsystems. Dazu gehört ganz sicher, dass wir in Deutschland das Hochschulrahmengesetz abschaffen müssen - ausländische Spitzenuniversitäten unterliegen solchen Einschränkungen auch nicht. Sie dürfen also Studiengebühren nehmen und selbst entscheiden, welche Studenten sie aufnehmen. Zugleich muss die Finanzierung der Hochschulen auf eine breitere Basis gestellt werden. Nicht nur der Staat muss sich einbringen, auch die Wirtschaft und die privaten Haushalte durch Studiengebühren.

DIE WELT: Aber wirken Studiengebühren nicht für Kinder aus sozialschwachen oder bildungsfernen Familien abschreckend?

Burda: Man kann Studiengebühren auch staffeln. In Harvard zahlen beispielsweise nur 30 Prozent der Studenten die volle Gebühr, 70 Prozent kriegen eine finanzielle Unterstützung durch ein Vollstipendium oder durch subventionierte Darlehen. Das wäre auch ein praktikables Modell für Deutschland. Ich will betonen: Nicht zuletzt seit Pisa wissen wir doch, dass die soziale Selektion nicht an den Unis, sondern viel früher stattfindet. Die Schulen stehen hierbei in der Verantwortung, begabte Kinder aus sozialschwachen Verhältnissen zu fördern. Damit das gelingt, muss der Staat die Hebel also schon hier ansetzen und mehr Geld in Schulen und Kindertagesstätten investieren.

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