Ars Australis incognita

Als kunstverwöhnter Europäer ist es nicht schwer schnell mehrere Dutzend bedeutende Meister der Kunstgeschichte, wie Dürer, Picasso, Rembrandt etc. aufzuzählen. Auch einige bekannte Amerikaner bekommt man locker noch zusammen. Doch Künstler aus Down Under? Auch jemand, der wie ich Kunstgeschichte studiert hat, ist da schnell mit seinem Latein am Ende. Athur Boyd? Sidney Nolan? Nie gehört.

Bei der nächsten Reise nach Australien sollte man sich also etwas Zeit für einen Besuch in der Art Gallery of NSW oder der National Gallery of Victoria nehmen, nicht nur um eventuelle kunsthistorische Wissenslücken zu schließen, sondern auch, um etwas über die Entwicklung der Gesellschaft auf dem Kontinent zu erfahren, der zumindest geografisch so weit von Europa entfernt scheint.

Für die ersten Europäer, die Australischen Boden betraten, war die dortige Flora und Fauna wortwörtliches Neuland. Während in Europa jedes Blatt und jede Wurzel eine von Generation zu Generation weitergegebene und modifizierte Bedeutung hatte, mussten die neuartigen Pflanzen und seltsamen Tiere zunächst katalogisiert und neu benannt werden. Natur und Landschaft standen somit auch im Mittelpunkt des Interesses der Maler der ersten Jahrzehnte der Kolonisation. Ihre Werke dokumentieren neben einer langsam wachsenden Verbindung auch das ambivalente Verhältnis zum neuen Land.

Die Schönheit der weiten Landschaft oder der zerklüfteten Bergwelt, wie sie etwa der in Österreich geborne Landschaftsmaler Eugène von Guérard (1811-1901) darstellte, stand dem ewigen Kampf gegen unbeherrschbare Naturkräfte gegenüber. Das fremde Land schien sich mit Überschwemmungen und Dürreperioden gegen die Eindringlinge zu wehren. So kämpften die verzweifelten Siedler im Jahre 1851 vergeblich gegen ein katastrophales Buschfeuer, das in der Nähe von Melbourne zahllose Farmen und Häuser vernichtete. Eindrucksvoll zeigt William Strutts (1861-1864) Gemälde „Black Thursday, February 6th“ die mit Angst verzerrten Gesichtern fliehenden Männer und Frauen, Seite an Seite mit ihren Rindviechern, die sich auf der Flucht vor den Flammen beinahe zu überschlagen scheinen.

Trotz aller Widrigkeiten wagte sich der Mensch immer weiter ins Landesinnere vor. Genauso schlichen sich dann auch Spuren der Besiedlung, wie etwa weidende Kühe oder gefällte Bäume, in die Werke der Landschaftsmaler. Der koloniale Besitz stand im Begriff sich zu einer neuen Heimat zu wandeln.

Doch dieser Wandel vollzog sich nicht aus heiterem Himmel, sondern war das Ergebnis harter Arbeit. Dies suggerieren zumindest die Bilder der Heidelberg School- Künstler, der ersten bedeutenden Künstlergruppe Australiens, die sich Ende der 1880ger Jahre um den in England geborenen Tom Roberts formierte.

So macht etwa der Landarbeiter in Arthur Streetons Gemälde „The Selector´s Hut: Whelan on the Log“ von 1890 eine verdiente Pause nach schwerer Arbeit in der gleißenden Sonne. Umrahmt von den freundlichen Pastell-Tönen des gelblichen, von der Sonne gebleichten Grases und des blau-weißen Himmels, sitzt er Pfeife rauchend auf seinem gefällten Baumstamm, neben sich sein Werkzeug, die Axt, die sinnbildlich auf die Ausdehnung der Grenzen der Zivilisation deutet.

Auch wenn die Werke sich mit Australischen Themen befassen, wie in diesem Fall mit dem idealisierten Bild vom Aufbau der neuen Nation mit Hilfe harter Arbeit in der Natur, konnte man sich zumindest in technischer Hinsicht nicht von Europa lossagen. Viele Maler gingen zum Studium nach Paris oder London und brachten neue Ideen nach Down Under. So wurde etwa das Malen unter freiem Himmel, mit heller Farbpalette und dynamischem Pinselstrich, wie von der Heidelberg School praktiziert, u. a. vom französischen Impressionismus inspiriert.

Ähnlich verhielt es sich mit der Moderne, für deren Auftreten es in der Australischen Kunst zunächst keinen konkreten Grund gab. Während sich in Europa moderne Ideen zur Abstraktion und zur Bedeutung von Form und Farbe vor dem Hintergrund einer langen, komplexen Tradition und Geschichte entwickelten, galt moderne Kunst in Australien als etwas Schickes, das man sich gerne in die Wohnung hing. Warum es sie gab, wusste keiner so genau, aber sie wirkte irgendwie intellektuell.

Doch die neuen Strömungen inspirierten auch einige talentierte Künstler dazu, sie für sich zu nutzen und umzudeuten. Zwar zeigen beispielsweise die Arbeiten der Avantgarde Künstler des Zirkels Angry Penguins deutliche Anklänge an den Surrealismus und den Expressionismus, jedoch zeugen die Inhalte von starken Reaktionen auf die zeitlichen Umstände und auf die Tradition Australischer Kunst.

So verarbeitete Albert Tucker (1914-1999), einer der „wütenden Pinguine“, seine Erfahrungen mit den Schrecken des Krieges, die er während seiner Zeit bei der Army von 1940-42 hautnah erlebte, die Hoffnungslosigkeit der Nachkriegszeit und den moralischen Verfall der Gesellschaft in ausdrucksstarken, expressiven Bildern. Oft platziert er seine deformierten Figuren in die surrealistisch wirkende Einsamkeit der Prärie oder stellt schweinsgesichtige Männerfiguren den zumeist auf einen Stock-Körper mit riesigem Mund und nur einem Auge reduzierten Frauenfiguren gegenüber.

Der bisher größte Star der Australischen Kunstlandschaft ist wohl Sidney Nolan (1917-1992), ebenfalls ein Mitglied der Pinguine. Seine wahrscheinlich berühmteste Bilderserie dreht sich um den Bushranger und australischen Volkshelden Ned Kelly. Nolan ging es nicht um eine historisch genaue Darstellung der Kelly-Saga, sondern um die Verhandlung abstrakterer Themen wie Unrecht, Liebe und Betrug. Zugleich nutzte er das Setting der Geschichte, um sich künstlerisch mit der Landschaft des Outbacks auseinanderzusetzen.

Doch was ist mit den Aborigines? Welche Rolle spielen die „eigentlichen Australier“ in der Kunstgeschichte? Zu Beginn der Kolonialzeit wurden sie aufgrund ihrer Lebensweise als Nomaden nicht als rechtmäßige Besitzer des Landes anerkannt und sind auch in der Kunst meistens nur Randfiguren oder Staffage in Landschaftsdarstellungen. Aus den Bildern der Heidelberg-School oder der Angry Penguins sind sie fast gänzlich verschwunden. Erst Mitte des letzten Jahrhunderts beschäftigten sich Künstlern wie Arthur Boyd und Russell Drysdale mit ihrer Kultur und ihren oft schwierigen Lebensumständen und besuchten Stämme im Outback. Besonders die in erdigen Rot und Braun-Tönen gehaltenen Werke Drysdales vermitteln ein intensives Bild von den Ritualen der Aborigines und von abgeschiedenen Leben im Outback.

Doch auch die Aborigines selbst konnten sich als Künstler etablieren und über ihre Jahrtausende alte Kunstkultur von Felsmalereien und Körperbemalungen hinaus eigenständige neue Kunstformen schaffen. So kreierten in den 1930er Jahren die Künstler der Hermannsburg-School mit ihren Landschaftsaquarellen einen eigenen Stil.

In den 1980er Jahren etablierten sich die sog. „Dot-Paintings“, Bilder bestehend aus aneinander gereihten Punkten, die sich zu abstrakten Ornamenten, entlehnt von eigentlich geheimen Ritualen oder figürlichen Darstellungen zusammensetzten, eine Technik, die auch die meisten Touristen-Souvenirs ziert. Maler wie Robert Campbell Junior oder Gordon Bennett setzten sich Ende der 80er Jahre kritisch mit Themen der Rassentrennung und der Enteignung der Aborigines in Australien auseinander und erlangten Australienweite Aufmerksamkeit.

Es gibt also viel zu entdecken und zu lernen in den Museen und Galerien von Sydney, Melbourne oder Canberra und noch eine Vielzahl von Künstler und Künstlerinnen, die alle auf ihre Weise etwas über Australien, seine Geschichte und seine Gesellschaft erzählen.